Samstag, September 02, 2006

Ausflug


Mitten auf der Autobahn hatte sie sie: Die Weltidee: Warum den Ausflug nicht noch zu einem kleinen Abstecher nutzen. Eben schnell in das Möbelhaus und die fehlenden Kleinigkeiten besorgen.
Böser Fehler! Die blau-gelben Farben schienen am Eingang zum Wort „Hell“ zu verschwimmen, aber das fiel ihr nicht auf.
Motiviert stürzte sie sich in die Massen, doch schon direkt vorm Regal „bomk“ passierte es. „Haaaaaaneeeess“, schrie ein Mütterchen durch die Reihen. „Haaaannnneeees“. Ruuuumms, da fuhr der süße blond gelockte Bengel mit seinem ach so lustigen roten Bobbycar direkt in ihr Schienbein. Den Schmerzenschrei ignorierend, freute sich Übermütterchen ihr Hab und Gut endlich entdeckt zu haben.
Bloß schnell weg, dachte sie sich und grub sich durch die Massen bunter und praktischer Funktionskleidung tragender Menschen und startet den Hürdenlauf über Janneks, Justins und Emilies. Glücklicherweise waren die meist schon dutzende Meter vorher auszumachen „Aaaahhhh“, „Laaaalaaaalaaaa“ „Neeeeeein“ quietschten kreischten Stimmchen von überall her. Autoerotik nennen die Psychologen so was. Warum nur?
Am Ende des ersten Stockwerkes das schwierigste Gebiet: die Kinderabteilung. Thorben, abgesetzt im riesigen Einkaufswagen, hatte blaugelbe Schüsselband schon zur Hälfte im Mund, während er kopfüber versuchte die verklebten Hände gen Wagenräder zu stecken. Nur schnell weiter.
Stopp: Kleiner Crash mit einem lustig bunten Clown. Er überreicht rosa Luftballonpudel. Doch ein in den Kindersitz gequetschter Wonneproppen schaut entsetzt auf das Gebilde und die Sterne funkelnden Augen seiner Eltern. Schüttelt den Kopf und weigert sich das Tier eines weiteren Blickes zu würden. Bravo, denkt sie sich und murmelt unter empörten elterlichen Blicken „Wo gibt es schon rosa Hunde, Kinder wollen nicht verarscht werden.“
Schnell die Salatschüssel gekrallt und Richtung Kasse drängend scheint sie das schlimmste hinter sich gebracht zu haben. Vorbei an Frauen, die bei zwei völlig identischen weißen Teller keine Entscheidung treffen können, welchem sie den Vorzug geben können. „Schatz 10€ für das CD-Regal, ist das günstig“ tönt es aus einer anderen Ecke. „Hier die Platzteller“ schlägt ein weiterer junger Mann vor. „Die sind schön aber… die stinken“. Andere haben aufgegeben, gähnen, so sehr dass sie mehr sehen kann, als jeder Zahnarzt vor ihr. Es ist nicht mehr weit. Bei den Kissenproben geht ein großer junger Mann immer wieder auf und ab. Jedem einzelnen Kissen gräbt seinen Zeigefinger in die Federn und murmelt: „Geht nicht, geht nicht, naja, geht nicht“ , immer wieder von vorn, gefangen in einem Kreislauf, dem er sich selbst nicht bewusst ist.
Nach endlosen 30 Minuten endlich raus. Frische Luft. Quietschende Luftballons hinter sich lassend, geht sie an Kindern vorbei, die schon gar nicht mehr wissen, warum sie überhaupt noch weinen. Autotür zu, Gas geben, weg.

Kommentare:

Killer Joe hat gesagt…

Gibt es eigentlich etwas, das nicht schon längst über Ikea gesagt und geschrieben wurde?

Ja, es ist wahr: Ich wurde als Säugling von meinen Eltern im Kugelbad bei Ikea vergessen. Nein, Moses dürfte es in seinem Körbchen sicher nicht bequemer gehabt haben. Ja, ich wurde von Ikea-Mitarbeitern gesäugt und aufgezogen. Nein, es war nicht immer schön.
Ja, ich habe Paare bei Ikea sich trennen sehen, menschliche Schicksale, Elend, Tränen, Vergebung, Liebe - das volle Programm. Ja, auch ich hatte meine Probleme, einen 2 Meter langen Ikea-Kassenzettel aufzurollen und gleichzeitig Börne, Sören, Alstrund und Eklund im Einkaufswagen zu verstauen und das alles im Gequengel quirliger Bengel und Singlefrauen mit Bluthochdruck…

Aber ein noch viel schlimmeres Erlebnis war der Ikea-Praktikanten-Recruiting-Day an einem schönen Berliner Sommertag mitten im grünen Dahlem: Zwei sportlich, flippig-blonde und uniformierte Ikea-Mitarbeiter luden Studenten aller Fakultäten ein, sich um einen mies bezahlten Platz in der PR-Abteilung von Ikea-Tempelhof zu informieren und auch gleich zu bewerben. Wer am klügsten fragt und am lautesteten schnippst, gewinnt – wie immer.
Es begann mit einer perfekt choreographierten Präsentation des Unternehmens und des Standortes Berlin. Unsere beiden Sonnenscheinchen, nennen wir sie „Lasse“ und „Liv“, die wir natürlich duzen durften (!) und sehr gut Zwillinge hätten sein können oder im Ikea-HQ irgendwo in den dunklen Wäldern Schwedens gezüchtet wurden und 70 Jahre früher hierzulande leuchtende Beispiele in irgendwelchen Rassekunde-Lehrbüchern gewesen wären, ähh, also diese beiden Vorzeige-Möbelverchecker schafften es, sich gegenseitig die Fragen und Antworten und lustigen Möbel-Anekdötchen so geschickt zuzuspielen und so viel gute Laune zu verbreiteten, dass man gar nicht so viel essen konnte, wie man hätte kotzen wollen. Als auch das an einem vorüber gezogen war, kamen wir endlich zum Sinn der ganzen Veranstaltung: DER AUSWAHL DES PRAKTIKANTEN (bitte Trommelwirbel)

Nun wurde versucht, meterlange Zeitmaßnahmenpläne auszurollen, wo sich selbst jeder Thora-Student überfordert gefühlt hätte. Es wurde von Guerilla-PR in Verbindung mit der Berliner U-Bahn gesprochen – und man fragte sich, ob das alles hier nicht eher was für den Verfassungsschutz als für das Hochschulteam des Arbeitsamtes wäre. Dann wurden Fragebögen ausgeteilt: wie viele Ikea-Häuser gibt’s in Berlin, nenne vier Produkte, wofür steht die Marke Ikea, wie findest DU unsere Werbung etc. pp. Es wurden Kleingruppen gebildet, es wurde gebrainstormt über mögliche PR-Aktionen. Es wurde kollektiver Schwachsinn entwickelt, um noch mehr Sperrholz unters Volk zu bringen und die Welt auf gelb-blaue Linie zu trimmen. Im türkischen Männerknast oder im sowjetischen Gulag wird’s angenehmer zugehen als in der PR-Abteilung eines beliebigen Ikea-Warenhauses, das war schnell klar. Genauso schnell klar wurde, dass die Angestellten mindestens genauso nervig sind wie das Möbel-Einkaufen an einem regnerischen Samstag. Einen dieser ordentlich angespitzten Ikea-Bleistifte hätte man sich gewünscht; wenn man schon mit einem stumpfen Messer Flugzeuge entführen kann, was kann man dann erst mit so einem Bleistift alles anstellen…?

Es endete wie alle solche Veranstaltungen enden, Gerechtigkeit siegte: Ein aufgewecktes Mädel bekommt für ihre klugen Fragen und ihr unüberhörbares Geschnippse die Möglichkeit, sich für ein halbes Jahr mit furnierten Schrankwänden, quietschenden Bettgestellen und schwer entflammbaren Teppichen auseinander setzen, nahrhafte Mittagspausen mit Hackfleischbällchen, Hot Dogs und frisch gezapfter Fanta natürlich inklusive. Am Ende wird es einen Warengutschein in Höhe von 50 Euro geben. Nein, die Uniform durfte sie nicht behalten.

Und die Moral von der Geschicht? Es soll auch andere Möbelhäuser geben, so ist es überliefert, Möbelhäuser, wo man zu leiser Fahrstuhlmusik mit einem Glas Prosecco in der Hand ohne Kindergeschrei und Herzrasen einkaufen kann und vielleicht sogar NOCH schönere Möbel zu einem guten Preis findet. Oder eine Salatschüssel.

Naja, every generation got it’s own disease – unsere ist da wohl Ikea!

So ist's halt.

Killer Joe

Lenny_und_Karl hat gesagt…

Ähm, also, nun ja, was soll ich sagen? Hab wohl schlafende Hunde geweckt. Und sehr tiefe Wunden aufgerissen? Scheint ja ein ziemlich tiefes Trauma zu sein! Ich fühle mit dir. Ehrlich!