Mittwoch, April 18, 2007

Bericht für eine Akademie

Auf der Leinwand wird ein weißen Stück Papier sichtbar, es liegt auf einem Tisch. Der Sprecher beginnt seinen Text:

"Hohe Herren von der Akademie!
Sie erweisen mir die Ehre, mich aufzufordern, der Akademie einen Bericht über mein äffisches Vorleben einzureichen."

Seine von Fell bewachsenen Hände schreiben in altdeutscher Schrift die Worte nieder.

So beginnt das Stück "Bericht für eine Akademie" von Franz Kafka. Bis gestern Abend hatte ich davon wenig Ahnung. Seit gestern Abend bin ich aber auch begeistert davon. David Merten, ein guter Freund von mir, spielte rund 40 Minuten lang, den Rotpeter. Ganz allein auf der Bühne des Hörsaals, der als Ort hervorragend zum Thema passte. In leicht gebückter Haltung und mit einem Rest affenartiger Bewegungen erzählt er von seinem Ausweg, aus der Kiste. Diesen suchte er, nachdem er gefangen worden war.

"Ich habe Angst, daß man nicht genau versteht, was ich unter Ausweg verstehe. (...)Ich sage absichtlich nicht Freiheit. (...) Nebenbei: mit Freiheit betrügt man sich unter Menschen allzuoft. Und so wie die Freiheit zu den erhabensten Gefühlen zählt, so auch die entsprechende Täuschung zu den erhabensten."

Im ganzen Saal ist Ruhe, die Stimmung ist gebannt, man hört nicht einmal jemanden flüstern, geschweige denn atmen.
Rotpeter, erzählt davon wie er lernte die Menschen nachzuahmen, um einen Auweg zu finden. Wie er sich mühte, sich selbst peinigte um sein Ziel zu erreichen: Diesen Ausweg aus dem Käfig.

Eine äußerst gelungene Darstellung. Im Gegensatz zu seinen früheren Stücken, spielt David weitaus besser, gereifter, reflektierter. Schöne Tonalität, klare, reine Aussprache. Mimik und Gestik sind verfeinert. Pausen bewusst und passend gesetzt, die wenigen Gegenstände auf der Bühne passend gewählt.

Besonders prägend der Schluss: Rotpeter gibt seine gebeugete, affenähnliche Haltung auf. Er drückt die Knie durch, spannt den Rücken und richtet sich auf. Gerade und hoch, das Fell blitzt unter dem Anzug hervor. In stolzer menschlicher Haltung spricht er die Schlusssätze.

Fantastische Vorstellung, großartig gespielt. Ein wunderbarer Abend, David.

Und wer das Stück nicht kennt, kann es hier nach lesen. Ist nicht allzu lang, dafür sehr gut.

Kommentare:

kreuzberger hat gesagt…

Frank Kafka kannte ich ja noch gar nicht. ;-)

Lenny_und_Karl hat gesagt…

@kreuzberger: Wirklich nicht? Der junge aufstrebende Künstler und Literat? :-) Nee, danke für den Hinweis, jetzt heißt der gute Mann wieder Franz. :-)

Der Mitch hat gesagt…

Macht Lust auf mehr...also der Bericht! Auch wenn ich beim ersten Zitat dachte es stammt aus "Planet der Affen" :-)

Dr.Chaos hat gesagt…

Das Drama (auf der Bühne) ist erschöpfender als der Roman, weil wir alles sehn, wovon wir sonst nur lesen.
Franz Kafka, (1883 - 1924), österreichischer Romanautor tschechischer Herkunft
In Prag ist der Mann Kult,hier ist er auch beerdigt und ich glaube auch geboren. Nur hier in Deutschland scheint er nicht so bekannt zu sein. Seine Stücke sind auch schwer zu verstehen (beim lesen), daher ist diese Aufführung sicher interessant gewesen. Wird es sie öfters geben und kann man sei als "Außenstehender" auch einmal sehen?

Lenny_und_Karl hat gesagt…

@Mitch: Naja geht im Stück ja um einen Affen, aber auch der Text ist gut zu lesen, finde ich.

@dr.chaos: Hab ich schon erwähnt, dass ich mich freue, dass sie wieder da sind? Leider ist das Stück nur noch eimal nächsten Donnerstag zu sehen, in Münster. Hingehen kann da jeder, aber ist sicher ein bisschen weit. :-)Wird nur zweimal gespielt, weil es eine Sache von David und dem Regisseur ist, bei dem er neben dem Studium eine Ausbildung gemacht hat. Schade, find ich auch.

Der Mitch hat gesagt…

Ja ist er. Ich meine ich habe ihn sogar schon mal gelesen...im...puh...ersten Semester?

Lenny_und_Karl hat gesagt…

@Mitch: Wenn du nicht mehr genau weißt, wann das war und dich nur dunkel an das erste Semester erinnern kannst, dann muss das ja ganz schön lange zurückliegen, weißt du wenigsten in welchem Semester du jetzt bist, oder hast du den Abschluss schon geschafft?

Der Mitch hat gesagt…

Soll das hier ein Verhör sein? Hä? Was soll das? Willst mich provozieren, oder? So unangenehme Fragen hier... Tze... ;-)

Ich weiß in der Tat nicht sooo richtig in welchem Semester ich bin. Also so +/- einem Semester weiß ich das schon :-). Aber so genau...???

Aber immerhin...der Abschluss ist eigentlich die einzige Hürde noch... .

Anrufe ohne Meldung hat gesagt…

angst, angst begrenzt nur

Lenny_und_Karl hat gesagt…

@Mitch: Oh da hab ich wohl nen Nerv getroffen, einen der anscheinend schon ganz schön blank liegt. Aber gern geschehen: Call me your "Gewissen" :-)

@anrufeohnemeldung: sehr schön, du kennst das Stück, ich mag es sehr, seit ich es keine, schön ausgedrückt

Der Mitch hat gesagt…

Na danke mein "liebes Gewissen". Wegen dir war ich heute in der Bib...argh...nur wegen dir... .