Mittwoch, März 19, 2008

Leben im Vorbeigehen

Die Sonne hatte sich bereits verzogen und der Wind pfiff kalt über den leeren Bahnsteig. Hüpfend treibt er das silberne Kaugummipapier vor sich her.

"Hihalayayayeha", wirr und spitz singt ein Jugendlicher vor sich hin. Dabei tanzt er auf den Zehenspitzen nah an der Bahnsteigkante. Dumpf raschelt seine sackartige Hose mit himmelblauem Tarnmuster. Die tarnfarbene Jacke versucht mit quietschen Reißverschlüssen dagegen zu halten.

Mit irrem Lächeln tänzelt er um seine Freundin mit Namen "Schaaaatz" herum. Diese kuschelt sich in ihre Jacke. Eine weiße, fette, sehr grob gesteppte Plastikjacke, die zeigt, dass ihr Geschmack noch weit unter dem Tiefpreis des Kleidungsstückes liegt.

"Die Schuschu-Bahn, da kommt die Schuschu-Bahn", schreit der irre Halbling.
Also, wenn der keine Drogen genommen hat, ist die Reeperbahn demnächst neues Papst-Domizil.

Gleich daneben zwei Alt-Punker. Im Gesicht des einen scheint jeder einzelne Drogen- und Alkoholexzess eine Narbe, Pore oder Falte hinterlassen zu haben. Sein Gesicht erzählt von tausenden harten Tagen seines Lebens. Die Klamotten heruntergekommen. Sein verlebter Kumpel hingegen versucht mit Nieten, Buttons und dreckigen Aufnähern den Schein des Punk-Stils zu wahren.

"Psyscho..., Pschy..., psychologisch brauchst du mir nix erzählen", tönt er laut. "Da kenne ich mich aus, weiß ich Bescheid. Du versucht immer deine Leiden auf.. ." Die quietschenden Bremsen der einfahrenden U-Bahn schlucken gnädig die weiteren Gedankenfragmente.

Der Drogentyp mit billiger Freundin verschwindet ganz hinten im Abteil. Ein debiles Grinsen im Gesicht.

Die alten Punker, die ihre beste Zeit nie erlebt haben, setzten sich ans Ende des Abteils. "... Arschloch, Blödmann, (...) dann hab ich (...) und dann hatten wir erstmal ein Gespräch zu dritt, so geht das nicht." Das Ausblenden dieser Konversation funktioniert einfach nicht.

"Aber weißt du was, ich schenk dir was", sagt er plötzlich etwas zu laut, zu seinem Kumpel. Die Nieten an der zerfledderten Jacke knacken, tief gräbt er in seinen Taschen. Ungeduldigt winkt er mit der Hand: "Los, los gib mir mal deinen Schlüssel. Ich schenk dir was."

Lautes Geklapper, ein paar gemurmelte Flüche. "Also falls dir das überhaupt noch was bedeutet?!"Stolz hält er nach wenigen Minuten den Schlüssel hoch. "Da! Dann hast du auch was von mir!"
Der kaputte, alte Punk lässt den Schlüssel in die Hände seines Kumpels fallen.

Daran hängt ein kleiner braun-weißer Stoffbär, der eher aussieht wie ein Hund. Er ist makellos sauber und leuchtet im Licht.

Kommentare:

Melli hat gesagt…

Manchmal ist Realität zu wahr,um schön zu sein.

Parkster hat gesagt…

So manches Bahn-Erlebnis toppt alles, was sich
Autoren ausdenken können.

Darf ich Ihnen mal sagen, dass Sie eine tolle Schreibe haben und sich derlei Texte auch gut auf einer Slam-CD machen würden?

Lenny_und_Karl hat gesagt…

Das ist wahr Melli.

Was? Also erstmal Danke, aber welche CD? Muss ich das einsprechen? Also labern kann ich.