Dienstag, Februar 10, 2009

Introducing: Lady Waterkant

Der Pepe hat mir diesen Namen schon vor langer Zeit gegeben und vor einer Weile habe ich beschlossen, diesen mit Leben zu füllen. Deshalb gibt es ab jetzt Lady Waterkant, die in regelmäßigen Abständen hier auftauchen wird - als Erzählung oder Geschichte. Einmal die Woche peile ich mal an.



"Man was für eine verfickte Scheiße", rief der Typ. Die gegeelten Haare hingen ihm in dicken tropfenden Strähnen ins Gesicht, als er mit hochrotem Kopf die Faust gegen die Straßenbahntür schlug. Nass blieb er am Bahnsteig zurück, während die Bahn sich ungerührt monoton davon schlängelte. Lady Waterkant zuckte kurz zusammen. Wasser, dicke fette Wassertropfen auf dem Gesicht des Typen und das "Water" in ihrem Namen - das hatte sie mit ihm gemeinsam. Vielleicht auch das Frustlevel, doch niemals würde sie es so brutal offensiv ausleben. Sie kratze sich mit dem Finger im Ohr und bewunderte den fetten gelben Punkt, gemischt mit einer kantigen dunklen Kruste. Sie sollte aufhören ständig im Gesicht zu kratzen und zu knibbeln. "Aber nicht heute", dachte sie sich und steckte den Finger in den Mund. Bitter und salzig schmeckte es, irgendwie dreckig und gleichzeitig vertraut. Es schmeckte nach Kindheit.

Sie sah sich die Leute im Abteil genauer an. Jedes Detail wollte sie sehen. Sie starrte die Leute gern an. Versuchte es zu verbergen und hoffte gleichzeitig doch erwischt zu werden. Dieser kleine unangenehme Moment, in dem die andere Person merkt, dass sie gemustert wird. "Ausgucken", das war ihr Wort dafür. Ausgucken ist mehr als sehen. Es bedeutet Details auch zu erkennen, Bedeutung und Charakter zu erahnen und den Menschen darüber kleine Lebensgeschichten zu entlocken.
Für die Frau gegenüber bedeutete es, zu sehen, dass sie in ihrem teuren Rock und ihrer Strumpfhose jeweils ein Loch hatte. Das stark geschminkte Gesicht aber zeigte, dass sie nicht hierher gehörte. Sie war mal was, hatte was und konnte vielleicht auch was. Diese Zeiten waren vorbei, weshalb sie die alte, statusgebunde Kleidung weiter auftrug, denn leisten konnte sie sich diese nicht mehr. Die Zeiten waren vorbei. Ihre Haltung aber hinkte der Realität stark hinterher, sie war nicht so einfach abzulegen wie alte Kleidung und strömte durch ihren ganzen Körper.

Lady Waterkant teilte der Frau eine traurige Geschichte zu. Sie stellte ihr einen Liebhaber zur Seite, der Geld hatte, aber sie bereits mit einer jungen künstlichen Blonden betrog.
Die Bahn hielt, die Türen schoben sich quietschend auf und die kalte dunkle Luft trug die Ausguck-Geschichte davon. Endstation. Aussteigen.

Kommentare:

Man in Metropolis hat gesagt…

Ach... verehrte Frau Lenny_und_Karl, von surealer trauriger Schönheit ihre Geschichte.

Anonym hat gesagt…

geil, ich dachte grad das Blog ist weg...

http://lennyundkarlverflogen... leichter Vertipper :-D

danimateur hat gesagt…

ich konnte auch mal was. der unterschied. ich kann es noch immer.

Nina hat gesagt…

der typ rief tatsächlich "verfickte scheiße"?
sehr sympathisch, muss ich sagen. ich glaube, das hat er von mir.

Pe Pe hat gesagt…

Ich bin entzückt. Lady Waterkant schreibt Geschichten. Und was für schöne. Herrlich.

ICrossMyHeartAndHopeToDie hat gesagt…

Also das mit dem Ohr, das erinnert mich sehr an Charlotte Roche, sie kam dir wohl mit ihrem Buch einfach zuvor? ;o)

Lenny_und_Karl hat gesagt…

anonym: Na dann schnell als RSS-Feed speichern und nix verpassen.

Was können Sie denn, danimateur?

Naja, ist ja einen Geschichte Frau Nina, aber wäre die Geschichte wahr, dann hätte er das natürlich gerufen.

Schön, dass sie vorbeigeschaut haben Pepe. Ich würde auch gern wieder bei Ihnen lesen.

icross... Ich habe das Buch nie gelesen und habe es auch nicht vor, aber gibt es tatsächlich Parellelen? Schrecklich!

rosina hat gesagt…

hey... ich lese regelmäßig deine beiträge und ??? lg