Sonntag, März 29, 2009

Abschiede

Weißes, kurzes, gelocktes Haar, die Augen noch geöffnet, liegt sie auf dem Bett. Der Körper ist noch derselbe und dennoch ist sie selbst nicht mehr da. Das ist nicht mehr der bekannte Mensch. Der Arm ist kalt, die Lebensgeister entschwunden und der letzte Weg bis zum Ende gegangen. Achtzig Jahre, eine lange Zeit dennoch viel zu kurz.

"Ich bin alt, ich habe gelebt, meine Zeit ist gekommen" war die Einstellung. "Kümmert euch um meine Schwester." Diese sitzt kleiner, älter und etwas zusammen gesunken neben dem Bett. Sie streichelt den Arm, umart ihre Schwester, ihre lebenslange Wohnpartnerin ein letztes Mal.

"Machs gut und schlaf schön, bis zum Paradies." Das sehen sie sich wieder. Das glaubt sie ganz fest und das ist für sie die Wahrheit. Das ist ihr Trost und die Erleichterung. Es wird für sie nur ein Abschied auf Zeit, bis zu zu einem besseren ewigen und glücklichen Leben. Die Trauer vertreibt das aber nicht. Das Gefühl, das nun ein Hälfte verschwunden ist und die Stütze fehlt. Sie war immer da. Ganz am Anfang und über all die Zeit. Eine halbe Oma für uns, ein Tante und ein gute Seele.


Dann Tschüss oder auf Wiedersehen, bis bald und Adieu, Ciao und See you.

Donnerstag, März 26, 2009

Das Model-Trikot

Das Telefon blinkt auf, eine Nummer leuchtet auf dem Display, noch bevor der Klingelton zum Ohr dringt.

"Ja, hallo?"
"Lenny_und_Karl, ich habe heute - leider - kein Foto für dich", sagt Super B. traurig durch die Leitung.
"Dafür rufts du extra nochmal an", lacht Lenny_und_Karl. "Deshalb hast du deine Doppelkopfrunde auf Mittwoch verlegt. Germanys next Top Model steht auf deinem Fernsehplan. Wusste ich es doch!"
"Ich habe da gerade reingeschaltet, als die so halb nackt im Regen fotografiert wurden. Da dachte ich, dass es nicht schaden kann, sich das mal anzusehen."
"Na war schon nicht schlecht, oder?"
"Ja, aber ich bin so enttäuscht, dass die meisten Mädels ja so nix haben, kein Gesicht naja, vielleicht nen schönen Po."

"Egal, bist du gerade online?" Super B. kann sein Aufregung kaum verbergen und lacht mit leiser Vorfreude am Telefon.
"Tipp mal Folgendes ein."
Schnell fliegen Lenny_und_Karls Finger über die Tasten. "Was soll das sein?"
"Na das habe ich mir gestern bei ebay gekauft. Ein Trikot, um mit meinem Rennrad zu fahren."
"Super B. da ist eine Katze drauf!", wirft Lenny_und_Karl etwas entsetzt ins Telefon.
"Ja, super, oder? Eine Katze mit Blitzen. Überleg nur wie fantastisch das aussehen wird, wenn ich auf dem Rennrad und diesem Trikot in Lichtgeschwindigkeit fahren werde."
"Die hat aber irgendwas im Maul?"
"Och Lenny_und_Karl, das sind Federn, das ist eine Evil-Cat, die gerade einen Vogel gefressen hat. Ist doch klar."
"Sieht aus wie Getreide finde ich."
Am anderen Ende der Leitung wurde aufgelegt.

Montag, März 23, 2009

Pöbeln

Ständig treffe ich sie. Sie gibt es einfach überall und zu jeder Zeit. Leute, die mit ihrem Verhalten oder ihren Äußerungen so nerven, dass ich sie einfach mal anpöbeln muss.

Sonntagabend in der U-Bahn. Das Wochenende war anstrengend und die Fahrt noch viel mehr. Also Stöpsel in die Ohren und einfach nur noch schnell nach Hause. In der fast leeren Bahn lässt sich ein dicker, unförmiger Mann eine Reihe weiter - mir gegenüber - auf die Bank fallen. Sein Pfannkuchengesicht strahlt. So weit so schlecht, aber noch erträglich. Er packt seine "Flying"-Zeitschrift aus und beginnt zu lesen. Nach zwei Minuten wandern seine dicken Knubbelfinger zu seinen Nasenlöchern und er versucht mit der Fingerspitze darin zu puhlen. Er erreicht nur das untere Ende, weil die fleischigen Finger zu dick sind und die runde Nase von den Versuchen derbst nach oben gedrückt und noch knubbeliger wird. Die Brille darüber drückt sich langsam gegen die Stirn. Den Finger wischt der 40jährige an der Bank ab. Weiterlesen. Keine Minute später erneutes Puhlen, Schieben und Drücken der Nase. Eine Minute später die gleiche Geste. Mir wird übel. Innerhalb von fünf Minuten wandern seine Finger sieben Mal zur Nase. Es reicht: "Na meinen Sie nicht, Sie hätten das letzte bereits aus sich und der Nase rausgeholt oder was hoffen Sie zu finden? Ihre Finger passen sowieso nicht in die Nase und das Suchen nach spektakulären Schätzen in ihren Nasennebenhöhlen will sich hier keiner ansehen", rufe ich ihm entgegen. Stille. Ich muss aussteigen.

An der Tankstelle herrscht bekanntlich viel Vekehr - liegt in der Natur der Einrichtung. Natürlich ist es dann super, wenn eine Gruppe wohlsituierter junger Erwachsener mit gesteiftem Hemdkragen vor den Tanksäulen so im Weg steht, dass eine Ausfahrt kaum möglich ist und die Personen fast mit dem Blech des Wagens auf Tuchfühlung gehen. Natürlich nicht ohne abwertend zu gucken. Ich lasse das Autofenster herunter und rufe: "Na was ein Glück, dass ihr die einzigen Menschen auf der Welt seid und ihr deshalb zum Plaudern mitten auf der befahrenen Schneise der Tankstelle stehen könnt. Ist ja auch ein Unding, dass womöglich sogar Autos zu und von den Zapfsäulen weg wollen, bei dem schönen Wetter. Wie unhöflich von uns."

Überhaupt glauben viele Menschen allein auf der Welt zu sein und stehen deshalb gern mitten auf dem Radweg und sind empört, wenn man klingelt, mit Absicht haarscharf an ihrem Gesicht vorbei lenkt und das mit "Idiot, das ist ein Radweg und keine Parkspur für lahme Mittfünfziger" kommentiert. Überhaupt sollten Langsamlatscher und im Wegrumsteher viel öfter angepöbelt werden. Weil sie Mitten im Fußgänger-Verkehrsfluss stehen bleiben, sich um sehen und überlegen. "Genau einfach mal mitten auf dem Weg stehen bleiben. Ist ja auch kaum was los zum Samstag hier in der Innenstadt. Schon blöd wenn man nicht gleichzeitig gehen UND denken kann."



All das denke ich sehr oft. Rumpöbeln ist mir grundsätzlich extremst sympathisch. Selbst bin ich leider meist zu anständig und denke mir diese Einfältigkeiten, anstatt sie herauszuschreien. Vielleicht sollte ich das mal ändern.